Die Entwicklung von Contactless (eine Einschätzung)

VON MARTIN BAZELT UND ROBERT HEINZ

Einleitung: Studien/Veröffentlichung bzgl. zunehmender Nutzung von kontaktlosen Zahlungen

In deutschen Geschäften wird mittlerweile hauptsächlich kontaktlos bezahlt. Während die Deutschen bislang am liebsten bar gezahlt haben, geht der Trend mittlerweile nicht nur zur bargeldlosen, sondern zur kontaktlosen Bezahlung. Zum Ende des ersten Halbjahres 2019 lag der Anteil kontaktloser girocard-Zahlungen noch bei rund 25%. Innerhalb eines Jahres hat sich dieser Wert verdoppelt[1]. Im Dezember 2020 berichtet die Concardis sogar, dass in Deutschland mittlerweile seit Monaten konstant 70% ihrer Transaktionen (Debit- und Kreditkarten) in stationären Geschäften kontaktlos abgewickelt werden[2].  Kontaktloses Bezahlen hat sich damit auch hierzulande in kürzester Zeit etabliert, was in dieser Geschwindigkeit so nicht zu erwarten war. In diesem Artikel wollen wir die Gründe für diese Entwicklung beschreiben und einen Ausblick wagen, wie die Entwicklung weitergehen könnte.

Was ist kontaktloses Bezahlen?

Kontaktloses Bezahlen bedeutet, dass man Kartenzahlungen an einem POS Terminal durchführt, ohne die Karte in das Gerät stecken zu müssen. Die Karte muss nur nahe genug (mind. 4cm) an den Kartenleser hingehalten werden.  Statt einer Karte kann das kontaktlose Bezahlen auch mit einem Smartphone oder einer Smartwatch durchgeführt werden, sofern das Gerät die zugehörige Technologie unterstützt und eine entsprechende App („Wallet“) installiert ist, in der eine Karte (girocard oder Kreditkarte) hinterlegt ist.

Das Ganze funktioniert mittel NFC (near field communication), einem technischen Übertragungsstandard zum kontaktlosen Austausch von Daten. Die Technik selbst ist dabei gar nicht so neu, wie man an dem ersten NFC-fähigen Handy, dem Nokia 6131 NFC von 2007, erkennen kann. Obwohl die meisten Smartphones bereits seit Jahren mit dieser Technologie ausgestattet sind, wurde sie lange kaum genutzt. NFC wurde in der Vergangenheit hauptsächlich für Zugangskontrollen (z.B.  in Bürogebäuden oder U-Bahnen) genutzt.

Wieso wird es auf einmal so stark genutzt und was sind die Voraussetzungen für den Erfolg?

Um kontaktlos bezahlen zu können, ist es notwendig, dass sowohl das Kartenterminal als auch die Karte bzw. das Smartphone NFC-fähig sind.

Vor allem die zwei Kreditkarten-Schemes Mastercard und VISA sind hier als Treiber zu nennen, dass heute die meisten (Kredit-)karten und Kartenterminals kontaktlos funktionieren. Die Vorgabe der Schemes war, dass bis 2020 alle europäischen Kartenterminals kontaktloses Bezahlen akzeptieren müssen. Neue Terminals, an denen Mastercard-Karten akzeptiert werden sollen, müssen bereits seit 2016 kontaktloses Bezahlen unterstützen, um die Zulassung von Mastercard zu erhalten.

Auch die in Deutschland wichtigste Karte, die girocard unterstützt seit Juli 2017 das Zahlverfahren „girocard kontaktlos“. Bereits Ende 2019 waren von den ca. 100 Millionen girocards in Deutschland über 75 Millionen kontaktlosfähig. Gleichzeitig waren von den ca. 840.000 Kartenterminals über 80%, also mehr als 680.000 ebenfalls dazu in der Lage, kontaktlose Zahlungen zu verarbeiten. Trotz allem lag der Anteil der kontaktlosen Transaktionen im Dezember 2019 noch bei 35,7% (im Januar 2019 sogar nur bei 19%). Wie kommt es, dass sich der Anteil der kontaktlosen Transaktionen innerhalb eines Jahres verdoppelt hat?

Ein wichtiger Grund ist sicherlich, dass sich die ursprünglichen Sicherheitsbedanken bislang nicht bestätigt haben. Zumindest gibt es bis dato keine bekannten Vorfälle von zu Unrecht durchgeführten kontaktlosen Zahlungen, bei denen Betrüger beispielsweise in Kaufhäusern auf Rolltreppen Karten unbemerkt belasten, indem sie ein Kartenterminal nahe an die Geldbörse in der Tasche des Karteninhabers halten. Auch wenn diese Szenarien grundsätzlich möglich sind, wie man in verschiedenen Reportagen sehen kann, ist für den tatsächlichen Geldfluss immer noch ein Akquirer bzw. Netzbetreiber erforderlich, der den Terminalinhaber, also den Händler genau kennt, da er ihn identifiziert hat, bevor er das Terminal zur Verfügung stellt.

Ein weiterer Punkt ist die technische Weiterentwicklung, die es erlaubt, digitalisierte Karten in Smartphones oder Smartwatches zu hinterlegen, um damit kontaktlos zu bezahlen. Zunächst konnten allerdings nur Kreditkarten hinterlegt werden, was in Deutschland vor allem bei kleineren Händlern problematisch sein konnte. Bei Händlern, die (hauptsächlich aus Kostengründen) nur girocard oder ELV anbieten, war das Bezahlen mit dem Smartphone damit nicht möglich. Zumindest iPhone-Nutzer mit der „richtigen“ Bank haben dieses Problem mittlerweile nicht mehr, da sich die girocard mittlerweile in ApplePay hinterlegen lässt (vorausgesetzt die kartenausgebende Bank hat eine entsprechende Vereinbarung mit Apple).

Ein weiterer Grund für die stärkere Nutzung von kontaktlosen Zahlungen ist der schnellere Zahlungsprozess an der Kasse. Im Gegensatz zum Einstecken der Karte, muss bei kontaktlosen Zahlungen erst ab einem bestimmten Schwellbetrag (in der Regel 50 Euro) die PIN eingegeben werden.

Zu der allgemeinen Akzeptanz und Nutzung von kontaktlosem Bezahlen hat darüber auch die Covid19-Pandemie beigetragen. Während man vor einem Jahr an den Kassen häufig noch schief angeschaut wurde, wenn man seine Karte oder gar sein Handy an das Terminal gehalten hat, werden die Kunden mittlerweile von den Händlern dazu aufgefordert, mit Karte und am besten kontaktlos zu bezahlen.

Wie wird es weitergehen?

Wir glauben, dass sich das kontaktlose Bezahlen weiter durchsetzen und perspektivisch die einzig verbleibende Methode der Kartenzahlung sein wird. So wie der EMV-Chip dazu führt, dass man zumindest in Europa keinen Magnetstreifenleser mehr benötigt (es sei denn, man möchte Kreditkarten von bestimmten amerikanischen Banken, die immer noch den Magnetstreifen statt dem EMV Chip verwenden, akzeptieren), kann auch auf den Chipkartenleser verzichtet werden, wenn das Terminal nur noch den NFC-Leser benötigt. Die Argumente dafür sind neben der schnelleren Verarbeitung bei gleichbleibender Sicherheit auch die Kosteneinsparungen bei der Terminalhardware.

Außerdem wird auch die Nutzung digitaler Karten in Smartphones und Smartwatches weiter zunehmen. Hierfür sprechen zum einen die höhere Bequemlichkeit für Kartennutzer, die die Karten nicht mehr im Geldbeutel mitführen und sich auch keine PIN mehr merken müssen (beim Bezahlen mit dem Smartphone wird die PIN-Eingabe durch das Entsperren des Handys ersetzt). Selbst wenn man seinen Geldbeute mal vergessen haben sollte, ist man dann immer noch in der Lage zu bezahlen, wenn man sein Smartphone dabeihat (was für einen Großteil der Leute ohnehin gilt). Zum anderen ist auch aus Gründen der Nachhaltigkeit eine stärkere Nutzung digitaler Karten vorstellbar, wenn man nur mal daran denkt, wie viel Plastik man einsparen könnte, wenn die ca. 130 Millionen Karten in Deutschland (die auch noch alle vier Jahre ersetzt werden) nur noch virtuell existieren würden.

Eine weitere absehbare Entwicklung wird sein, dass Smartphones nicht nur von Endkunden zum Bezahlen, sondern auch von Händlern für die Akzeptanz von Karten verwendet werden. Vor allem für kostensensible Händler wird es eine attraktive Alternative sein, ohne Investitionen in Payment-Hardware Kartenzahlungen akzeptieren zu können, indem einfach eine entsprechende App installiert und nach erfolgreichem Boardingprozess innerhalb weniger Minuten aktiviert und genutzt werden kann. Neben der Kartenakzeptanz können auf dem Handy problemlos weitere Apps (z.B. Kassensysteme, Produktkataloge, Warenwirtschaft…) verwendet werden, so dass sich das Smartphone vor allem im KMU-Bereich als „All-in-one“-Lösung etablieren wird. Damit sind sowohl auf Kunden- als auch auf Händlerseite alle Voraussetzungen erfüllt, um auch für kleine Händler „echte“ Omnichannel-Anwendungen umsetzen zu können.

[1] https://www.kreditwesen.de/cards/ergaenzende-informationen/karten-meldungen/girocard-halbjahreszahlen-2020-kontaktlosquote-konstant-50-p-id66429.html

[2] https://www.concardis.com/unternehmen/presse/artikel/zeitenwende-im-europaeischen-payment?utm_source=Paymentandbanking+FinTech+Newsletter+Abonennten&utm_campaign=a2bfb33b50-EMAIL_CAMPAIGN_2020_03_03_01_09_COPY_01&utm_medium=email&utm_term=0_9b54dd24a0-a2bfb33b50-101959537&mc_cid=a2bfb33b50&mc_eid=3053ca3da9<\font>

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